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Computerunterstützte Netzwerkanalyse (CANA©) und Netzwerkförderung in der Benachteiligtenförderung

Computerunterstützte Netzwerkanalyse (CANA©) und Netzwerkförderung. Ein flexibles Verfahren für die Ausbildung und Praxis Sozialer Arbeit.

Computer Aided Network Analysis (CANA©) ist ein flexibles Verfahren für die Ausbildung und Praxis Sozialer Arbeit zur computerunterstützten Erhebung, Visualisierung, Auswertung und Förderung sozialer Netzwerkbeziehungen.

Soziale Netzwerke als Voraussetzung sozialer Verortung und Identitätsentwicklung sowie ihre Schutz- und Hilfefunktion als soziales Immunsystem für "Normal- und Risikopopulationen" (NESTMANN 1989) sind in Forschung und Praxis weitgehend unstrittig. Mit Hilfe von Netzwerkanalysen lassen sich individuelle Verhaltensweisen oder Einstellungen anhand von Merkmalen der sozialen Beziehungen rekonstruieren, wie sich umgekehrt individuelle Merkmale zur Erklärung von Netzwerkeigenschaften heranziehen lassen (WOLF 1993, 73). Netzwerkanalysen gehen Sozialraumanalysen insofern voraus, als das Aufsuchen und die Nutzung von Orten als Aktionsräume durch soziale Beziehungen, die mit diesem Ort verbunden sind, geschieht.

Auch im Case Management-Ansatz ist die Einschätzung des Falles (Assessment) nicht nur auf die Biografie und Kompetenzen des Falles bezogen, sondern ebenso auf die Ressourcen seines sozialen Netzes, um das vorhandene Netz als Unterstützungspotential ggf. quantitativ wie qualitativ zu erweitern und die soziale Kompetenz des Falles, sein Netzwerk zu nutzen, zu stärken.

Netzwerkförderung setzt allerdings solide Netzwerkanalyse in Bezug auf Erhebung und Auswertung voraus. Während Konzepte, Methoden und Techniken sozialer Netzwerkarbeit in der Fachliteratur bereits entwickelt sind fehlen bis auf das Erhebungsinstrumentarium EGONET-P von STRAUS (2002, 266 ff.) Konzepte der Erhebung und Auswertung sozialer Netzwerke, welche als praktikable Instrumentarien in ihrer für die Ausbildung und Praxis der Sozialen Arbeit notwendigen Verkürzung im Hinblick auf Wirksamkeit und Angemessenheit methodologisch vertretbar sind.

An dieser Stelle setzt das Manual zur Computerunterstützten Netzwerkanalyse (Computer Aided Network Analysis, CANA©) an. Es teilt mit STRAUS (2002) die Ziele eines für die sozialpädagogische Praxis zugeschnittenen Verfahrens, das den Netzwerkmethoden qualitativer Forschungsmethoden strukturähnlich ist und knüpft an das von mir entwickelte computerunterstützte Case Management(CACM)-Konzept an, das ich seit einigen Jahren in der grundständigen Ausbildung und Weiterbildung von SozialpädagogInnen anwende.

Die Ziele des CANA-Konzepts sind insbesondere

. ein praktikables und für den Berufsalltag taugliches Instrumentarium,
. eine flexible Anwendbarkeit für unterschiedliche Phasen des Case Managements (assessment, linking, monitoring),
. eine dem ethnographischen Fremdverstehen angemessene dialogische Qualität sowohl des Erhebungs- und Auswertungsverfahrens als auch der Validierung der Ergebnisse.

Die Anknüpfung an das computerunterstützte Verfahren von CACM (s.o.) bedeutet, dass das mit den Namensgeneratoren entstandene Interview unter Berücksichtigung der erstellten Netzwerkkarte ausgewertet wird mit dem benutzerfreundlichen Textanalyseprogramm MAXqda (www.maxqda.de) und das Auswertungsergebnis im Hinblick auf kommunikative Validierung und Netzwerkarbeit in ein Falldokument bzw. Falldokumentationsprogramm exportiert werden kann. Um die im netzwerkorientierten Interview erzeugten Netzwerkkarten in diese Programme auch übertragen zu können, stellt CANA© darüber hinaus eine Toolbar zur Visualisierung von Netzwerken zur Verfügung, anhand derer bedienerfreundlich mit der Standardsoftware MS-Word Symbole sozialer Beziehungen in ein Kreisdiagramm mit konzentrischen Kreisen und farblich unterschiedenen Sektoren gezogen werden können. Diese Netzwerkdiagramme lassen sich nicht nur zum Zwecke kommunikativer Validierung und Förderplanung, sondern auch für Präsentationen und Teambesprechungen nutzen.

Das Manual bezieht sich auf die folgenden Erhebungs- und Auswertungsschritte:

Erhebung

1. Festlegung der Ziele der Netzwerkanalyse
2. Vorbereitung egozentrierter Netzwerkkarten
3. Entwicklung und Anwendung von Namensgeneratoren
4. Interviewgestaltung

Auswertung

5. Visualisierung von Netzwerkkarten
6. Computerunterstützte Netzwerkanalyse mit MAXqda
7. Netzwerkorientierter Förderplan

Das Forschungs- und Studienprojekt CANA© ist seit dem Wintersemester 2005/06 an der Fachhochschule Wiesbaden in Form eines zweisemestrigen Studienprojekts in Anwendung. Die TeilnehmerInnen des ersten Projektjahrgangs haben für eine Fallstudie "Betriebliche Erstausbildung in Teilzeit" (BEAT), ein Teilzeitberufsausbildungsmodell für allein erziehende Mütter und Väter, im Rahmen der Evaluation des Bundesprogramms "Kompetenzen fördern - Berufliche Qualifizierung für Zielgruppen mit besonderem Förderbedarf (BQF-Programm)" netzwerkorientierte Interviews durchgeführt, Netzwerkkarten erstellt und ausgewertet. Im Projekt des WiSe 2006 und SoSe 2007 wurden Netzwerkanalyse und Netzwerkförderung im Kontext der Ausbildungsagentur der Landeshauptstadt Wiesbaden als Bestandteil des neuen Fachkonzeptes beschäftigungsorientierten Fallmanagements (SGB II) angewendet. Im WiSe 2007/08 und SoSe 2008 wurden in Kooperation mit dem Wiesbadener Verein Fresko e.V. Netzwerkanalysen und Netzwerkförderung im Kontext des Ausbildungsmodells JAMBA (Junge allein erziehende Mütter in Berufsausbildung) durchgeführt.

Die bisherigen Studienprojekte hatten zum Ergebnis, dass ohne den Einsatz von Studierenden, Netzwerkanalyse und Netzwerkarbeit mit den o.a. Arbeitschritten in das Case Management der Berufspraktiker nicht integrierbar ist. Im WiSe 2009/10 ist daher geplant, in Kooperation mit dem Förderpersonal der Abteilung Jugendbildung der VHS Rheingau-Taunus e.V. das CANA-Konzept durch die Erprobung von Verkürzungsstrategien berufstauglich zu machen für die Zeitfenster von Case Manager bzw. Fallmanager. Ressourcenanalyse und Ressourcenstärkung als elementare Bestandteile von Case Management sehen zwar das "Fachkonzept für Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen gem. § 61 SGB III" sowie das Fachkonzept "Beschäftigungsorientiertes Fallmanagement im SGB II" vor, finden aber mangels einer methodisch angepassten Konzeption bisher kaum Anwendung.


 

 

 

 

Berichte:

  • Netzwerkkarten-Toolbar
    Die Netzwerkkarten-Toolbar dient zur grafischen Darstellung der erhobenen sozialen Netzwerke für Auswertung und Präsentation

 


 

Ausgewählte Literatur:

  • Computerunterstützte Netzwerkanalyse und Netzwerkarbeit. Feuerstein, Th. J.
    - In: BOCK, K.; MIETHE, I. (Hrsg.): Handbuch Qualitative Methoden in der Sozialen Arbeit. - Opladen. (2010), S. 446-452
  • Computerunterstützte Netzwerkanalyse (CANA©) und Netzwerkförderung. Ein flexibles Verfahren für die Ausbildung und Praxis Sozialer Arbeit. Feuerstein, Th. J.
    In: MIETHE, I. u.a. (Hrsg.): Rekonstruktion und Intervention.Buchreihe Rekonstruktive Forschung in der Sozialen Arbeit, Band 4. Opladen. - (2007), S. 115-128.
  • Computer Aided Case Management (CACM). Ein biographie- und netzwerkorientiertes Verfahren für die Qualitätsentwicklung in der arbeitsweltbezogenen Jugendsozialarbeit. Feuerstein, Thomas J.
    - In: Jugend Beruf Gesellschaft (1999), S. 95-100

 


 

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Letzte Änderung: 16.07.2010